Montag, 28. November 2011

Weihnachten in der Provence

Ich finde es immer wieder spannend und interessant, wie die Bräuche, die man zu Hause seit der Kindheit kennt, in anderen Ländern gefeiert oder zelebriert werden. Nachdem mein Herz ja bekanntlich in Frankreich schlägt, ist es mir eine große Freude gewesen, die Weihnachtszeit Zeit auch schon in der Provence verbracht zu haben.


Die Weihnachtszeit ist dort die wichtigste Zeit für alle Feste. Sie beginnt mit dem Ausschmücken der Privathäuser und der Kirchen, schon lange vor dem 24. Dezember. Vor allem die Krippen werden aufgestellt, die hier mit vielen Figuren und reichen Verzierungen gestaltet sind. Diese schön bemalten Figuren werden "santons", kleine Heilige, genannt.
Ein berühmter Santonier: http://www.santonsmarcelcarbonel.com/

Die Krippen der Provence stellen ein komplettes Dorfleben dar. Die Dorfbewohner kommen mit Ihren Gaben. Eine solche Krippe kann recht grosse Ausmasse haben. Die grösste Krippe der Welt steht in der Provence, im Dorf Grignan, was durch einen Eintrag in das Guiness Buch der Rekorde bestätigt wurde. Diese provenzalische Weihnachtskrippe misst 1.116 m². Zu bestaunen sind mehr als 80 Häuser und mehr als 1.000 Krippenfiguren, die Santons (kleine Heilige). Die Häuser sind liebevoll und detailgetreu im Kleinformat gestaltet. Man kann die Figuren z. B. bei einem Wein und gutem Essen in der Küche beobachten. Überwiegend werden die traditionellen Berufe dargestellt, wie z. B. der Bäcker, der Müller, der Weinbauer, der Schäfer, der Fischer.

Am 4. Dezember, dem Fest der heiligen Barbara, pflückt man die Barbarazweige und stellt sie ins Wasser. Weiterhin wird am 4. Dezember Weizen in drei kleinen Schälchen ausgesät. Die Zahl drei symbolisiert die Dreifaltigkeit. In der warmen Stube, vorzugsweise auf dem Kaminsims, hat die Saat bis Weihnachten Zeit aufzugehen und zu wachsen. Wachstum und Stärke, sowie eine bestenfalls satte grüne Farbe der Aussaat geben Auskunft über den Ausgang der Ernte im nächsten Jahr, sowie über Wohlstand und Glück.

Der Weizen der Heiligen Barbara 
Jedes Jahr vor Weihnachten machen sich Eltern und Kinder in der Provence an die Vorbereitungen für das große, fröhliche Fest. Am 4. Dezember, dem Namenstag der Heiligen Barbara, werden einige Getreidekörner zum Keimen auf drei Untertassen, die die Dreifaltigkeit darstellen, auf ein Bett aus angefeuchteter Watte gelegt. Daraus entstehen nach sorgfältiger Pflege die kleinen Miniaturfelder, die die Familienkrippe und den Tisch des großen Mahls zu Heiligabend schmücken.

“Quand lou blad ven ben, tout va ben”
(Wenn´s dem Weizen gut geht, geht alles gut)


Diese provenzalische Redensart heiligt den Weizen der Heiligen Barbara, da seine Triebe das kommende Jahr ankündigen. Sind sie aufrecht und grün, so bringen sie Glück und Wohlstand, sind sie geknickt und gelb, sagen sie Unglück voraus.

Die Heilige Barbara : Sie ist die Schutzheilige der Feuerwehrleute, Artilleristen und Bergmänner.

Die Legende erzählt, dass Barbara, die Tochter des Dioskorus, des Königs von Nikomedia, im 3. Jahrhundert die Ehe mit dem persischen Prinzen Rifflemont verweigert, um sich dem christlichen Gott zu weihen. Sie zieht sich in einen Turm zurück und bittet Johannes den Täufer, während ihr Vater auf Reisen ist, sie zu taufen. Als Dioskorus zurückkehrt und von der Konversion seiner Tochter erfährt, liefert er sie dem römischen Befehlshaber Marcianus aus. Sie wird gefoltert und gequält. Als sie zu ihrem Vater zurückgeschickt wird, weigert sie sich erneut, ihren Gott zu leugnen. Ihr Vater, außer sich, schlägt ihr den Kopf ab. In diesem Augenblick wird Dioskorus vom Blitz erschlagen und seine Seele in die Hölle geschafft.
Quelle: Comité Départemental de Tourisme des Bouches du Rhône (Tourismuskomitee des Departements Bouches-du-Rhône).

Schlemmen in der Weihnachtszeit!
Bei den Franzosen eigentlich immer wichtig: Das Essen! In der Vorweihnachtszeit bekommt man allerdings die feinsten Dinge geboten – und beim Essen spart kein Franzose, und der Provenzale schon gar nicht. An Weihnachten (25.12./26.12.) in der Provence wird im Kreise der Familie wahrhaft geschlemmt: Austern, „Foi gras“, Wild und Pilze – nicht zu vergessen die feinen Trüffelgerichte sowie Fisch, Austern und Meeresfrüchte.

Die Zeit bis zum 24. Dezember verbringt man auf den Weihnachtsmärkten, die auch in dieser Region immer häufiger werden. Man besucht Schäferspiele, Krippenausstellungen und Konzerte.

Am 24. Dezember, dem Heiligen Abend, bleibt man lange auf, um in die Mitternachtsmesse zu gehen, die vielerorts von Musik- und Trachtengruppen mitgestaltet wird. Der Abend beginnt mit einem festlichen Essen, dem Gros-Souper, einer einfachen aber üppigen Mahlzeit mit kalten Fisch- und Gemüseplatten. Sobald sie vertilgt sind, isst man sehr viele und reichhaltige Desserts.
Ganze 13 verschiedene Nachspeisen werden gegessen, eine Zahl, die offenbar auf Christus und seine 12 Apostel anspielt. Was sich alles in den 13 Desserts versteckt, berichte ich noch.

An Weihnachten wird in zahlreichen Kirchen die Messe mit altprovenzalischen Liedern, den Noels, gestaltet, welche zu einem großen Teil aus dem 18. oder 19. Jh. stammen. Was immer ein sehr ergreifender Moment ist.

Französisches Weihnachtslied
Les anges dans nos campagnes

1. Les anges dans nos campagnes

Ont entonné l'hymne des cieux
Et l'écho de nos montagnes
Redit ce chant mélodieux
|: Gloria in excelsis Deo! :|

2. Bergers, pour qui cette fête

Quel-est l'objet de tous ces chants?
Quel vainqueur, Tchibo conquête
Mérite ces cris triomphants?
|: Gloria in excelsis Deo! :|

3. Il est né, le Dieu de gloire

Terre, tressaille de bonheur
Que tes hymnes de victoire
Chantent, célèbrent ton Sauveur !
|: Gloria in excelsis Deo! :|


Damit die Angelegenheit nicht gar zu trocken bleibt, wird häufig Glühwein gereicht, dessen Zutaten in diesen Tagen überall erhältlich sind. Die Bäcker backen ihre "pompe", eine Art Hefepfannkuchen  mit Butter oder Öl.

Die Santons
Selbst im Sommer stößt man in der Provence auf Santons, auf bunte Tonfiguren, die alle erdenklichen traditionellen Berufe oder Aktivitäten darstellen und ein facettenreiches Bild dieser so reizvollen Provinz nachzeichnen.

Viele dieser Figuren beziehen sich auf das Landleben, andere auf die métiers de bouche, die für Ernährung und gastronomische Freuden sorgen. Da sieht man die Fischhändlerin und den Müller, die Kürbis tragende Bäuerin und den Jäger, den Angler und den Knoblauchbauern, die Gänsezüchterin und den Käsehändler, den Bäcker und den Koch, den Trüffelsucher und den Olivenpflücker, den Weinhändler und den Kastanienverkäufer und viele andere.

Wer genau hinsieht, findet die Provenzalin, die Aïoli rührt, und eine andere, die die Zutaten für die pompe, den Weihnachtskuchen bereithält. All diese Figuren bereichern die Krippe, in deren Zentrum selbstverständlich das Jesuskind, die Jungfrau Maria und der heilige Joseph stehen.

Seit dem 16. Jahrhundert stellte man zum Weihnachtsfest Krippen in den Kirchen auf. Die Entstehung der santons - nach dem provenzalischen Wort santoum, das kleiner Heiliger bedeutet - fällt in die Revolutionszeit. Damals blieben die Kirchen geschlossen, aber in den Familien bewahrte man die Tradition der Krippen. Jetzt machte man eben kleinere Figuren und zwar aus jedem Material, das sich dafür anbot: aus Holz, Gips, Ton und aus Brotteig, bemalte sie oder kleidete sie in Stoffe.

Jean-Louis Lagnel stellte als erster Gipsformen nach Modellen her, mit deren Hilfe er aus Ton Serien von Figuren gießen konnte. Andere Santonniers blieben dabei, ihre Figuren zu bekleiden. Die erste santons-Messe fand im Dezember 1803 in Marseille statt. Besonderen Auftrieb erhielt die Krippe durch das Hirtenspiel "Maurel", in dem dargestellt wird, wie Jesus im 19. Jahrhundert in einem kleinen Dorf der Provence geboren wird.

Damit erhielten neben den biblischen Gestalten auch die provenzalischen Zutritt zu der Krippengemeinschaft, die zum Spiegel des Lebens der Familie wird. Jedes Mitglied hat eine Figur, die es repräsentiert, während andere an Verwandte und Freunde erinnern. Die ganze Familie hilft, die Krippe mit Moos, getrockneten Pflanzen, Holzstücken und schönen Steinen auszustatten, die man gemeinsam am l. Advent in der Natur sammelt.

Ab dem 4. Dezember dürfen die Kartons geöffnet werden, in denen man die Figuren verwahrt. Aber das Jesuskind kommt erst am 24. Dezember vor dem großen Souper dazu und die Heiligen Drei Könige erst an Epiphanias. Jedes Jahr wird die Krippe der Familie ergänzt, so dass sie über Generationen wächst und für ein provenzalisches Weihnachten unentbehrlich ist.

Den Krippen war ein solcher Erfolg beschieden, dass man noch heute einen Santon Markt in Marseille abhält, von Ende November bis Heiligabend.

"Santonier" ist ein Beruf geworden, der sich in der Familie vererbt, doch stellen auch die Bauern ihre eigenen Figuren her. Die Santons der Provence haben nach und nach ganz Frankreich erobert, selbst über die Grenzen hinaus bevölkern sie die Krippen, zur Freude der Kinder schmücken sie die schönen Weihnachtskrippen.
Quelle: http://www.epicure.ch/Santons.htm

http://www.reisenews-online.de/2009/10/30/weihnachten-in-der-sudfranzosischen-provence/


Die 13 Desserts und ihre Bedeutung
Sie werden erst nach der Christmette verköstigt und bleiben die nächsten drei Tage auf dem Tisch. Auch die Zahl 13 ist von großer symbolischer Bedeutung, sie repräsentiert Jesus Christus und die zwölf Apostel beim Abendmahl.

Genau wie die Gerichte des großen Abendessens variieren die 13 Desserts je nach Region:

Die Pompe à huile („Ölpumpe“) oder Fougasse
eine Art runder, flacher Pfannkuchen aus feinem Mehl, bestem Olivenöl, Rohrzucker und Orangenblütenöl.

Die „Vier Bettler“ (Trockenfrüchte)

Ihre Farben entsprechen denen der verschiedenen religiösen Orden des 19. Jahrhunderts, die „Bettelorden“ genannt wurden: getrocknete Feigen (Franziskaner), Mandeln (Karmeliter), Nüsse (Augustiner) und Rosinen (Dominikaner).

Die Nougats

Schwarzer Nougat aus Honig und Mandeln. Je nach der Farbe des verwendeten Honigs variiert er von hellrot bis tiefschwarz. Weißer Nougat aus Honig und Mandeln sowie Pistazien, Pinienkernen, Haselnüssen oder kandierten Früchten. Man kann auch Eischnee und Zucker zugeben, damit er süß und cremig wird.

Datteln
das orientalische Symbol für Jesus Christus.

Frische Früchte

Orangen, Mandarinen, Winterbirnen, Äpfel und Weintrauben werden extra für diese Gelegenheit eingemacht.

und

In verschiedenen regionalen Varianten: Quittenbrot, kandierte Zitronat-Zitrone oder kandierte Früchte aus der Region von Apt oder Carpentras, Wintermelonen, Konfitüre und lokale Leckereien wie die Calissons (Mandelkonfekt mit Zuckerguss) aus Aix oder der Suce-miel, eine Bonbonspezialität aus Allauch.

Eine Fülle an Schlemmereien also, die den Gaumen der Kleinen erfreuen – aber auch der Großen, die dazu ein Glas Vin cue (gekochter Wein), Carthagène oder auch Likörwein trinken.

Der Gros soupa
(provenzalisch)

Der Gros soupa wird am Weihnachtsabend serviert, direkt nach dem Cacho-fio und vor der Messe.
Dieses „große Abendessen“ ist aber eigentlich ein relativ bescheidenes Mahl ganz ohne Fleisch, da der Heilige Abend noch zur Adventszeit gehört und somit ein Tag der Enthaltsamkeit ist.

Nach alter Tradition gibt es sieben magere Gerichte, bei denen es sich nach allgemeinem Glauben um die sieben Leiden der Jungfrau Maria handelt. Das Essen besteht aus Gemüsen der Saison und mehreren traditionellen Gerichten: gebratener Kabeljau („en raïto“), Meeräsche mit Oliven, Schnecken mit Kardonen (= Gemüseartischocke), Sellerie mit Pfeffersauce, Artischocken…

Jede Region der Provence hat ihre eigenen Traditionen und Speisen. So gibt es viele verschiedene Berichte über den Gros soupa, und Frédéric Mistral erzählt beispielsweise, wie „nach und nach alle traditionellen Gerichte auf den Tisch kamen…“

Je nach lokaler Art werden bei diesem großen Essen Fischragout mit Aal, geschmorte Krake, Spinat- oder Kürbisgratin, Linsen, Artischockenomeletts und Vieles mehr serviert…

Ich stelle gerne im Anschluss ein paar Rezepte zusammen, die man nach kochen kann.

Der Cacho-fio
Der Cacho-fio ist eine Zeremonie, bei der ein Holzscheit, genannt Bûche de Noël (= auch eine süße Schlemmerei an Weihnachten, Rezept folgt), angezündet wird (cacha: anzünden, fio: Feuer). Traditionellerweise stammt das Holz von einem Obstbaum, der im Laufe des Jahres gefällt worden ist, z.B. von einem Birn-, Kirsch- oder Olivenbaum. Der Großvater begießt es dreimal mit Aperitifwein und spricht auf Provenzalisch den Weihespruch :

Alègre! Alègre! Alègre! Que nostre Segne nous alègre!
S'un autre an sian pas mai, moun Dieu fugen pas men!

(Jubel! Jubel! Jubel! Erfülle uns der Herr mit Jubel!
Sind wir nächstes Jahr nicht mehr an Zahl, so hoffentlich auch nicht weniger!)




http://www.le-beausset-en-provence.com/provence-traditions-cacho-fio.html


Dann nimmt der Jüngste der Familie den Holzscheit und geht mit ihm dreimal um den Tisch. Schließlich legt er ihn in den Kamin. Wenn das Holz brennt, kann die Veillée calendale beginnen, mit Gesängen und Chorälen in provenzalischer Sprache, mit Erzählungen und Musik.
Früher wurde die Asche des Holzscheits, der dem Cacho-fio diente, sorgsam aufbewahrt, da er vor Krankheiten schützte. Oder sie wurde in die vier Ecken eines Feldes gestreut, um den Acker vor Unwetter zu schützen und eine gute Ernte zu gewährleisten.


Bûche de Noël


http://lesmillesetundelicedelexibule.blogspot.com/2008/12/bche-de-nol-chocolat-et-framboises.html
Und ein Rezept von http://www.franzoesischkochen.de/?p=3117


Den Abschluss der Weihnachtszeit bildet, wie bei uns der Heilig Drei Königstag
Am 6. Januar, dem Tag der Heiligen Drei Könige, werden zu den Krippenfiguren die drei Weisen aus dem Morgenland gestellt. Die Bäcker formen in dieser Zeit ihre "Königskronen", die mit eingebackenen, kandierten Früchten hergestellt werden (= Galette des Rois)
Derjenige, der in der Familie einen solchen König zieht, darf sich etwas wünschen.

Diese Krone enthält auch eine gegrillte Bohne und irgendein anderes Objekt, meist einen kleinen Heiligen aus Keramik. Wer diese in seinen Kuchenstücken findet, ist die Königin oder der König des Tages.
http://epicurienne.co.uk/tag/galette-des-rois/



Wundervolle Hideaways in der Provence:
http://www.capelongue.com/fr/index.php
http://www.clairplume.com/grignan/fr/index