Dienstag, 12. Juni 2012

SANTORINI und seine Weine: Der Tanz auf dem Vulkan (Jürgen Schmücking)

„Denkt man an Griechenland, hat man sofort die weiß-blaue Postkartenidylle der Kykladeninsel Santorin im Kopf. In der Saison wird Santorin, eine der beliebtesten griechischen Inseln, von Touristen regelrecht überflutet. Es empfiehlt sich daher die Vor- oder Nachsaison zu nutzen, um die fast schon unwirkliche Schönheit der Insel und ihre Besonderheiten zu entdecken und kennenzulernen. Für Weinliebhaber hält die Insel ebenfalls einige köstliche Überraschungen bereit.“
(Dorit Schmitt)




(Ein Bericht von Jürgen Schmücking)

SANTORINI und seine Weine: Der Tanz auf dem VulkanSantorini ist ein heisses Pflaster. Damit meine ich nicht nur, dass hier - krisenunabhängig - ziemlich die Post abgeht. Die Aussage ist vielschichtiger. Sie sagt was über das Klima auf der Kykladeninsel aus und gibt Auskunft über Herkunft und eine mögliche Zukunft der Insel. Santorini wurde aus Feuer geboren. Das Farbenspiel der weltberühmten Sonnenuntergänge, deretwegen Myriaden von Touristen zur Insel pilgern, lässt sich am besten in Orten wie Athinios, Fira oder Oia beobachten. Alles Ortschaften, die am Kraterhang erbaut wurden. Oben ist Santorini zwar eine Oase der Ruhe, tief unten aber brodelt es. Die tektonischen Platten sind in Bewegung, und dass die derzeitige Form der Insel auch tatsächlich die endgültige ist, ist keineswegs in Stein gemeisselt.

Diese teils geographischen, teils historischen Umstände haben konkrete Auswirkungen auf den Wein und den Weinstil Santorinis. Das Klima ist heiss (wer schon dort war, weiss wie verdammt heiss es im Juli und August, den beiden Monaten vor der Ernte, werden kann) und trocken. Der Sirocco, der stets präsente Wind, kann richtig heftig sein und weht vor allem im Frühjahr den Wüstensand über die Insel. Direkter und heftiger können junge und fragile Weintriebe gar nicht angegriffen werden. Aber Großes und Außergewöhnliches entsteht selten dort, wo die Bedingungen günstig sind und alles passt. Und außergewöhnliche Weine gibt es auf Santorini nicht wenige.
Der Boden ist vulkanisch, wie er vulkanischer nicht sein kann. Für die Weine bedeutet das trotz der hohen Temperaturen einen hochgradig mineralischen Ausdruck und knackfrische Säure. Sogar die süssen Weine Santorinis - wir kommen noch auf sie zurück - werden so zu animierenden Frischmachern. Der bimssteinhaltige vulkanische Boden und die Tatsache, dass Santorini eine Insel ist, hat dazu geführt, dass Santorini von der Reblaus übersehen wurde. Das wiederum hat zur Folge, dass es sich bei den Reben um wurzelechte Rebstöcke handelt. Das Thema der amerikanischen Unterlagsreben ist den Winzern Santorinis damit erspart geblieben. Die Weine sind daher noch eine Spur ursprünglicher und authentischer. Um die Reben vor dem kräftigen Wind (und dem von ihm bewegten Sand) zu schützen, hat sich auf Santorini eine einzigartige Form der Reberziehung entwickelt. Die Griechen nennen sie kouloures. Die Reben werden dabei zu Körben geflochten, die jungen Triebe wachsen im Lauf der Vegetationsperiode wie Spinnenbeine sternförmig in alle Richtungen. Das Thema maschineller Bearbeitung ist damit hinfällig. Geerntet wird händisch. Allerdings entfallen auch Winterschnitt und Laubarbeit. Nur das einjährige Holz muss im Herbst eingeflochten werden.

Bekannt ist Santorini für zwei Weintypen. Der süsse Vinsanto, der mit seinem zauberhaften Spiel aus üppiger Süsse und belebender Mineralik und Säure einzigartig ist. Und der nicht minder mineralische trockene Weisswein, hauptsächlich aus der Assyrtikotraube. Natürlich gibt es auch einige einfache, respektable Rotweine. Die Vorzüge des Terroirs spielen aber nur Vinsanto und Assyrtiko voll aus. Der Vinsanto ist dabei aber klar der signature wine. Meist aus den Rebsorten Assyrtiko, Aidani und manchmal auch Athiri gemacht und für Süssweinverhältnisse recht früh gelesen.  Meist geschieht das Mitte bis Ende August, die Trauben werden dann allerdings noch 10 - 14 Tage in der Sonne getrocknet. Der Farbe des Vinsanto ist kastanienbraun, jüngere Weine erinnern an intensives dunkles Bernstein. Das Aroma bietet eine Fülle kräftiger Gewürznoten nach Kardamom, Anis und Zimt. Rustikale Waldhonigtöne und in Rum eingelegte Zibeben und Korinthen bilden die zweite Linie. Am Gaumen kommt das meist die große Überraschung. So sehr die Aromen in der Nase auch breite Süsse erwarten lassen, so wenig erfüllt der Wein diese Erwartungen. Säure und Mineralik machen den Wein straff und schlank. Ein zauberhafter Refresher - auch an den heissesten Tagen. Anhaltend und Umwerfend.

Zu den Produzenten mit den herausragenden Produkten gehören ohne Zweifel SantoWines, die größte Kellerei der Insel, aber auch Gavalas Vineyard, Canava Roussos, Argyros Estate und ganz im Norden die Domaine Sigalas. SantoWines hat über 1000 aktive Mitglieder (mit zum Teil einer Handvoll Weinstöcken) und in den letzten Jahren viel in moderne Kellertechnik und ein önotouristisches Zentrum investiert. Gavalas & Co sind deutlich kleiner, allerdings ebenfalls von beeindruckender Qualität. Vor allem Sigalas, der seine 10 Hektar nahe dem nördlichen Oia biologisch bewirtschaftet und mit dem Apiliotis auch eine alte Weintradition Santorinis wiederbelebt: den mezzo, einen restsüssen Rotwein aus der Rebsorte Mandilaria.

Die trockenen Assyrtikos sind eine Klasse für sich. Sie bestechen durch markante, kräftige Säure und einer unglaublich aromatischen Kombination aus  Zitrusfrucht und exotischen Blütendüften. In diesen Weinen ist Jasmin ebenso zu finden wie Holunderblüte und ein Hauch von Nelke. Am Gaumen sind die Weine griffig, kompakt und - wenig erstaunlich - mineralisch und klar. Die besten Exemplare kommen dabei von Haridimos Hatzidakis, dessen trockener Weisswein allerdings eine Cuvée aus Assyrtiko und Aidani ist und Gaia Wines. Fast alle Weingüter können (und sollten) bei einem Urlaub auf Santorini besucht werden. Eine telefonische Ankündigung ist empfehlenswert und unkompliziert. Mit dem Selene verfügt die Insel übrigens auch über eines der besten Lokale Griechenlands.
Empfehlungen:
www.selene.gr
www.santowines.gr
www.hatzidakiswines.gr